Klassismus
Kurzdefinition:
Klassismus bezeichnet Diskriminierung und Abwertung aufgrund sozialer Herkunft, sozialer Lage oder zugeschriebener Klassenposition. Er wirkt über gesellschaftliche Vorstellungen davon, was als „normal“, „angemessen“ oder „leistungsfähig“ gilt, und strukturiert Zugänge zu Ressourcen, Anerkennung und Teilhabe.
Einordnung für die Soziale Arbeit und Pädagogik:
In sozialen und pädagogischen Kontexten zeigt sich Klassismus u. a. in Erwartungen an Bildungsbiografien, Sprache, Auftreten, Wohnverhältnisse oder „Elternengagement“. Diese Erwartungen sind häufig an bürgerliche Normalitätsvorstellungen gebunden und werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Für Rom*nja und Sinti*zze kann Klassismus rassistische Zuschreibungen verstärken, etwa wenn soziale Benachteiligung kulturell oder individuell erklärt wird.
Klassismus als Struktur- und Machtverhältnis:
Klassismus ist kein individuelles Vorurteil, sondern ein strukturelles Ungleichheitsverhältnis. Er wirkt über institutionelle Bewertungsmaßstäbe, Förderlogiken und Deutungsmuster und ist eng mit anderen Machtverhältnissen wie Rassismus oder Geschlecht verknüpft. Klassistische Strukturen entscheiden darüber, wessen Lebensweisen als legitim gelten und wessen Erfahrungen problematisiert oder entwertet werden.
Bedeutung für professionelles Handeln:
Für Fachkräfte bedeutet eine klassismuskritische Perspektive,
soziale Ungleichheit nicht zu individualisieren („fehlende Anstrengung“),
eigene Normalitätsannahmen zu reflektieren,
institutionelle Bewertungsmaßstäbe kritisch zu prüfen,
und Unterstützungsangebote so zu gestalten, dass sie nicht beschämend oder ausschließend wirken.
Klassismuskritisches Handeln stärkt eine professionelle Praxis, die strukturelle Bedingungen sichtbar macht und Handlungsspielräume erweitert.
Abgrenzung:
Klassismus ist nicht gleichzusetzen mit Armut. Auch Menschen mit ökonomischer Absicherung können klassistische Abwertung erfahren, etwa durch Bildungszuschreibungen oder kulturelle Normen. Entscheidend ist die gesellschaftliche Bewertung sozialer Positionen, nicht allein das Einkommen.
→ Weitere Themen:
Intersektionalität, Institutioneller Rassismus, Institutionelle Bewertungsmaßstäbe, Lebensrealitäten, Machtverhältnisse