Praxisbaustein: Struktur statt Person

🎧 Worum geht es hier?

Dieser Praxisbaustein unterstützt Fachkräfte dabei, pädagogische und soziale Situationen nicht vorschnell zu individualisieren, sondern strukturelle Bedingungen und institutionelle Logiken mitzudenken.

Ziel ist es, Deutungen von „Problemverhalten“ oder „Defiziten“ einzelner Personen zu hinterfragen und den Blick auf Rahmenbedingungen, Machtverhältnisse und institutionelle Bewertungsmaßstäbe zu lenken.

Die Methode ist besonders sinnvoll, wenn Unsicherheit, Irritation oder Erklärungsdruck entstehen.

🧭 Sie arbeiten hier autonom und im eigenen Tempo.

🕊️ Nehmen Sie sich Zeit für die Fragen – und machen Sie bei Bedarf eine Pause.

🕒 Zeitaufwand

  • Einzelanwendung: ca. 15–20 Minuten

  • Teamreflexion: ca. 30–45 Minuten

📌 Arbeitsform

  • Selbstreflexion

  • Kollegiale Reflexion

  • Teamarbeit / Fallbesprechung

Empfohlen für Situationen wie:

  • Irritationen im Kontakt mit Klient*innen

  • Fallbesprechungen mit „schwierigen“ Zuschreibungen

  • Entscheidungsfindung unter institutionellem Druck

📝 Praxisskizze

Ein Schulsozialarbeiter berichtet von eine*r Schüler*in, der nur selten am Regelunterricht teilnimmt und sich Gesprächsangeboten weitgehend entzieht. Dies wird als „Desinteresse“ oder gar „Verweigerung“ interpretiert.

Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass der Schüler mehrfach die Schule gewechselt hat, über längere Zeit keine stabile Beschulung erlebte und innerhalb der Klasse Vorurteile erlebt. Zusätzlich bestehen sprachliche Unsicherheiten und Ängste vor öffentlichem Sprechen.


💭 Reflexionsfragen / Praxisimpulse

  • Welche Erklärung biete ich mir spontan für die Situation an?

  • Wen oder was problematisiere ich – die Person oder die Struktur?

  • Welche institutionellen Regeln, Erwartungen oder Zeitlogiken wirken hier mit?

  • Welche Alternativen zur Individualisierung sind denkbar?

  • Was verändert sich, wenn ich Verantwortung nicht ausschließlich bei Einzelnen verorte?

💬 Hinweise zur Selbstfürsorge

Wenn diese Fragen Unsicherheit, Abwehr oder Schuldgefühle auslösen, ist das kein persönliches Scheitern.

Strukturelle Reflexion bedeutet, eigene Verstrickungen wahrzunehmen, ohne sich selbst abzuwerten.

Selbstfürsorge dient hier nicht der Entlastung von Verantwortung, sondern der Aufrechterhaltung professioneller Reflexionsfähigkeit.

Wichtiger Hinweis

Diese Methode ersetzt keine fachliche Einschätzung individueller Bedarfe.

Sie hilft jedoch, Individualisierung zu begrenzen, wo strukturelle Ursachen wirksam sind – und so professionelles Handeln differenzierter zu gestalten.

👥 Durchführung in Teams – Moderationshilfe

  • Klare Trennung zwischen Fallbeschreibung und Deutung

  • Strukturfragen sichtbar notieren (z. B. Zeit, Zugang, Regeln)

  • Bewertungen bewusst zurückstellen

  • Perspektivwechsel aktiv anregen

Hinweis zur Quelle:

Die in diesem Praxisbaustein dargestellten Fallkonstellationen und Reflexionsimpulse orientieren sich inhaltlich an Erkenntnissen aus folgender wissenschaftlicher Studie:

Studie zum Empowerment für Sinti*ze und Rom*nja

Herausgegeben von der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (UKA), erstellt von der Alice Salomon Hochschule Berlin, gefördert durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), 2021.

Online abrufbar unter:

https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/PDF/UKA/Studie_zu_Rassismuserfahrungen_von_Sinti_zze_und_Rom_nja_in_Deutschland.pdf (Abruf: 27.09.2025)

Es erfolgt keine wörtliche oder strukturidentische Übernahme. Die Inhalte wurden in eigenen Worten für gemeinwohlorientierte Bildungsarbeit aufbereitet.

© 2026 Čerenja e. V. – ROMANI RESILIENCE RESOURCES* I25-P02-A01-ME01

Diese Methode wurde im Rahmen des geförderten Projekts entwickelt und steht unter der Lizenz:*

CC BY-NC-SA 4.0 – Namensnennung – Nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/deed.de