Praxisbaustein: Doppelstrategie erkennen und einordnen


🎧 Worum geht es hier?

Dieser Praxisbaustein unterstützt Fachkräfte dabei, Situationen mit wechselhaftem Verhalten – z. B. gleichzeitiger Offenheit und Rückzug – nicht vorschnell zu bewerten, sondern als mögliche Schutzstrategie im Kontext struktureller Unsicherheiten zu verstehen.

Ziel ist es, sogenannte „Doppelstrategien“ zu erkennen und professionell einzuordnen – ohne sie zu problematisieren, pathologisieren oder moralisieren.

🧭 Sie arbeiten hier autonom und im eigenen Tempo.

🕊️ Nehmen Sie sich Zeit für die Fragen – und machen Sie bei Bedarf eine Pause.

🕒 Zeitaufwand

Einzelanwendung: ca. 15 Minuten

Teamreflexion / Fallbesprechung: ca. 30 Minuten

📌 Arbeitsform

Selbstreflexion

Kollegiale Fallberatung

Entscheidungshilfe in Beratungs- oder Hilfeplanprozessen

Empfohlen für Situationen wie:

• wechselhaftes Verhalten von Klient*innen

• widersprüchliche Signale in Beratungssettings

• Unsicherheiten im Umgang mit Nähe und Distanz

📝 Praxisskizze (optional)

In einem Hilfeplangespräch berichtet ein Jugendlicher offen über familiäre Belastungen. In einem anderen Setting mit anderen Fachkräften wirkt dieselbe Person plötzlich verschlossen und abweisend.

Das Team zeigt sich irritiert – einige werten das Verhalten als „nicht authentisch“, andere als „unzuverlässig“. Erst im Gespräch über institutionelle Kontexte wird klar: Die Person hat gelernt, in bestimmten Konstellationen Informationen zu geben – in anderen eher nicht.

💭 Reflexionsfragen / Praxisimpulse

  1. In welcher Situation zeigt sich ein Wechsel zwischen Offenheit und Rückzug?

  2. Was ist konkret beobachtbar – ohne Bewertung?

  3. Welche spontanen Zuschreibungen entstehen im Team?

  4. Inwiefern könnte das Verhalten eine bewusste oder erlernte Schutzstrategie sein?

  5. Welche institutionellen Erwartungen oder Machtverhältnisse wirken mit?

  6. Wie kann ich durch mein Verhalten Verlässlichkeit, Transparenz und Sicherheit erhöhen?

  7. Welche eigenen Erwartungen sollten geprüft oder angepasst werden?

💬 Hinweise zur Selbstfürsorge

Wenn Irritation, Frustration oder Schuldgefühle aufkommen:

Das ist kein Zeichen von persönlichem Scheitern.

Strukturelle Reflexion bedeutet, die eigenen Verstrickungen bewusst wahrzunehmen – ohne sich selbst abzuwerten.

Selbstfürsorge dient hier nicht der Entlastung von Verantwortung, sondern der Aufrechterhaltung professioneller Reflexionsfähigkeit.

❗ Wichtiger Hinweis

Diese Methode ersetzt keine fachliche Einschätzung individueller Bedarfe. Sie hilft jedoch, Verhalten nicht vorschnell zu individualisieren, sondern auf Kontexte und Unsicherheiten zurückzubeziehen.


👥 Durchführung in Teams – Moderationshilfe

  • Einstieg mit Fallbeispiel oder eigener Situation (5 Min)

  • Beobachtungen und Bewertungen sichtbar trennen

  • Reflexionsfragen gemeinsam bearbeiten (15–20 Min)

  • Abschlussrunde: Was nehme ich mit?

Hinweis zur Quelle:

Die in diesem Praxisbaustein dargestellten Fallkonstellationen und Reflexionsimpulse orientieren sich inhaltlich an Erkenntnissen aus folgender wissenschaftlicher Studie:

Studie zu Rassismuserfahrungen von Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland

Herausgegeben von der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (UKA), erstellt von der Alice Salomon Hochschule Berlin, gefördert durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), 2021.

Online abrufbar unter:

https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/PDF/UKA/Studie_zu_Rassismuserfahrungen_von_Sinti_zze_und_Rom_nja_in_Deutschland.pdf (Abruf: 27.09.2025)

Es erfolgt keine wörtliche oder strukturidentische Übernahme. Die Inhalte wurden in eigenen Worten für gemeinwohlorientierte Bildungsarbeit aufbereitet.

© 2026 Čerenja e. V. – ROMANI RESILIENCE RESOURCES* I25-P02-A01-ME01

Diese Methode wurde im Rahmen des geförderten Projekts entwickelt und steht unter der Lizenz:*

CC BY-NC-SA 4.0 – Namensnennung – Nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/deed.de