Praxisbaustein: Mehrsprachigkeit professionell einordnen
🎧 Worum geht es hier?
Diese Methode hilft, Sprachverhalten nicht defizitorientiert zu deuten, sondern im Licht biografischer Erfahrungen, struktureller Ausschlüsse und sprachlicher Ressourcen zu verstehen.
Sie unterstützt Fachkräfte dabei, sich selbst im Kontakt mit Mehrsprachigkeit bewusst neu zu positionieren – gerade dort, wo Irritation oder vorschnelle Bewertungen entstehen.
🧭 Sie arbeiten hier autonom und im eigenen Tempo.
🕊️ Nehmen Sie sich Zeit für die Fragen – und machen Sie bei Bedarf eine Pause.
🕒 Zeitaufwand
Einzelanwendung: ca. 15 Minuten
Teamreflexion: ca. 30 Minuten
📌 Arbeitsform
Selbst- oder Tandemarbeit
Kollegiale Beratung
Moderierte Teamreflexion
📝 Praxisskizze (optional)
Eine Schulsozialarbeiterin beschreibt ein Kind mit Migrationshintergrund als „schwierig zu erreichen“. Die Sprachverwendung werde als „verwaschen“, das Sprechverhalten als „unsicher“ empfunden.
Im Kollegium entsteht die Deutung: mangelnde Sprachfähigkeit = mangelndes Interesse = mangelnde Anschlussfähigkeit.
Im weiteren Gespräch mit der Familie wird deutlich: Das Kind ist mehrsprachig aufgewachsen, wurde mehrfach auf Herkunftssprache „korrigiert“, hat sprachbezogene Demütigungserfahrungen in der Kita erlebt – und fühlt sich im institutionellen Rahmen sprachlich nicht sicher.
💭 Reflexionsimpulse
1. 🌀 „Reframing“ – Deutungsrahmen prüfen und verschieben:
Was wäre, wenn das Kind nicht sprachlich schwach, sondern institutionell verstummt wurde?
2. 🧭 3-Wahrnehmungspositionen einnehmen:
Was sehe ich als Fachkraft? Was erlebt das Kind? Was würde eine außenstehende Beobachtung wahrnehmen?
3. 🔄 „Time Shift“ – Perspektivwechsel durch Rückblick:
Was erinnere ich an eigene Sprachsituationen, in denen ich nicht sicher war? Wie wurde ich da gesehen?
4. 💬 Selbstgesprächsintervention:
Wie spreche ich innerlich über „sprachliche Unsicherheit“ – und wie verändert sich mein inneres Bild, wenn ich von „sprachlicher Erfahrung“ oder „vielsprachiger Kompetenz“ ausgehe?
5. ✍️ Zukunftsbild skizzieren:
Wie möchte ich in meiner Profession künftig sprachliche Vielfalt wahrnehmen – und wie möchte ich, dass Klientinnen sich in meiner Gegenwart erleben?*
💬 Hinweise zur Selbstfürsorge
Mehrsprachigkeit zu verstehen, heißt auch: eigene Normen zu hinterfragen. Wenn dabei Irritation entsteht – z. B. weil alte Deutungen nicht mehr „passen“ – ist das ein Zeichen für professionelles Wachstum.
Die hier eingesetzten NLP-Techniken helfen, inneren Abstand zur Abwertung zu schaffen – ohne Distanzierung vom Thema.
Selbstfürsorge dient hier nicht der Entlastung von Verantwortung, sondern der Aufrechterhaltung professioneller Reflexionsfähigkeit.
❗ Wichtiger Hinweis
Sprachverhalten ist nicht neutral. Es ist oft Ergebnis von Ausschlusserfahrungen, sozialer Positionierung, Sanktionen. Professionelles Verstehen heißt, diese Kontexte mitzudenken – statt aus normierten Erwartungen heraus zu urteilen.
👥 Durchführung in Teams – Moderationshilfe
Deutungen sammeln – gemeinsam reframen
Wahrnehmungswechsel moderieren (Fachkraft ↔ Kind ↔ Außenperspektive)
Begriffe wie „sprachlich auffällig“ auf konkrete Beobachtungen runterbrechen
Anker setzen: Wie möchte ich künftig reagieren, wenn ich „sprachliche Unsicherheit“ erlebe?
Hinweis zur Quelle:
Die in diesem Praxisbaustein dargestellten Fallkonstellationen und Reflexionsimpulse orientieren sich inhaltlich an Erkenntnissen aus folgender wissenschaftlicher Studie:
Studie zu Rassismuserfahrungen von Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland
Herausgegeben von der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (UKA), erstellt von der Alice Salomon Hochschule Berlin, gefördert durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), 2021.
Online abrufbar unter:
https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/heimat-integration/antiziganismus/barz-kaya-horvath.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (Abruf: 27.09.2025)
Es erfolgt keine wörtliche oder strukturidentische Übernahme. Die Inhalte wurden in eigenen Worten für gemeinwohlorientierte Bildungsarbeit aufbereitet.
© 2026 Čerenja e. V. – ROMANI RESILIENCE RESOURCES* I25-P02-A01-ME01
Diese Methode wurde im Rahmen des geförderten Projekts entwickelt und steht unter der Lizenz:*
CC BY-NC-SA 4.0 – Namensnennung – Nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/deed.de