Praxisbaustein Migration kontextualisieren, nicht problematisieren

🎧 Worum geht es hier?

Dieser Praxisbaustein unterstützt Fachkräfte dabei, Migrationshintergründe nicht als Ursache für Probleme zu interpretieren, sondern im Kontext von strukturellen Barrieren, institutionellen Ausschlüssen und biografischen Belastungen zu verstehen.

Er fördert eine differenzsensible, aber nicht kulturalisierende Haltung gegenüber Familien oder Einzelpersonen mit Migrationsgeschichte – gerade dort, wo schnell pauschalisierende Deutungen entstehen.

Mithilfe von NLP-Impulsen wie Perspektivwechsel, Reframing und Ankerarbeit kann affektive Abwehr reduziert und die Deutungssicherheit in sensiblen Situationen gestärkt werden.

🧭 Sie arbeiten hier autonom und im eigenen Tempo.

🕊️ Nehmen Sie sich Zeit für die Fragen – und machen Sie bei Bedarf eine Pause.

🕒 Zeitaufwand

  • Einzelreflexion: ca. 15–20 Minuten

  • Teamgespräch: ca. 30–45 Minuten

📌 Arbeitsform

  • Einzelarbeit

  • Kollegiale Beratung

  • Moderierte Teamreflexion

📝 Praxisskizze (optional)

Ein Sozialarbeiter äußert in einer Fallbesprechung: „Die Familie ist aus Rumänien gekommen, da klappt einfach nichts – Schule, Wohnung, Termine … ich glaube, das ist einfach deren Mentalität.“

Im Verlauf des Gesprächs wird deutlich: Die Familie ist von informeller Beschäftigung betroffen, lebt unter prekären Wohnverhältnissen, hat Erfahrungen mit institutioneller Ablehnung gemacht und meidet Behörden aus Angst vor Diskriminierung oder Ausgrenzung.

💭 Reflexionsimpulse

🧭 „Wahrnehmungsposition wechseln“

Was sehe ich als Fachkraft? Wie könnte die Familie ihre Lage empfinden? Was sieht eine außenstehende Person?

🧠 „Reframing“ – Was wirkt wie „Verweigerung“, ist in Wahrheit...?

Vermeidung = Schutz vor Ausschluss? Zurückhaltung = Abwarten auf Sicherheit?

🔍 Unterscheidung zwischen Herkunft & Kontext

Was hat mit biografischer Erfahrung zu tun – was mit sozialem Status und struktureller Ausgrenzung?

✍️ „Anker setzen“ für professionelle Haltung

Welchen Satz möchte ich mir in solchen Situationen innerlich verankern, z. B.: „Migration ist keine Erklärung – Kontext ist entscheidend“?

🧩 „Entkoppeln“ von Begriffen

Welche „geladenen“ Begriffe verwende ich? Was meine ich damit konkret? Was könnte ein neutraleres Vokabular sein?

💬 Hinweise zur Selbstfürsorge

Wenn Du merkst, dass bei Dir Abwehr entsteht („Ich will das nicht hören“, „Man wird ja gar nichts mehr sagen dürfen“), ist das kein Scheitern.

Das sind konditionierte Schutzreaktionen auf eine professionell bedrohlich wirkende Herausforderung – nicht auf eine Person.

Selbstfürsorge heißt hier: Ich erlaube mir, irritiert zu sein – ohne mich zu verschließen.

Selbstfürsorge dient hier nicht der Entlastung von Verantwortung, sondern der Aufrechterhaltung professioneller Reflexionsfähigkeit.

❗ Wichtiger Hinweis

Migration ist kein pädagogisches Problem, sondern ein sozialer Umstand – verbunden mit Rechten, Ressourcen und Risiken.

Professionelles Fallverstehen verlangt: nicht ,,Kultur`` erklären, sondern Kontexte sichtbar machen.


👥 Durchführung in Teams – Moderationshilfe

  • Einstieg: Was fällt uns spontan ein bei „sie kommen aus Rumänien“?

  • Reflexionsrunde: Was haben wir erfahren – was schließen wir daraus?

  • Reframingübung: Wie würde dieselbe Handlung wirken, wenn sie von einer Gadjé-Familie käme?

  • Abschluss: Ankerformulierung entwickeln („Woran wollen wir uns orientieren, wenn Herkunft Thema wird?“)

Hinweis zur Quelle:

Die in diesem Praxisbaustein dargestellten Fallkonstellationen und Reflexionsimpulse orientieren sich inhaltlich an Erkenntnissen aus folgender wissenschaftlicher Studie:

Forschungsbericht: Kommunale Praktiken und EU-Binnenmigration

Herausgegeben von der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (UKA), erstellt von der Alice Salomon Hochschule Berlin, gefördert durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), 2021.

Online abrufbar unter:

https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/heimat-integration/antiziganismus/neuburger-hinrichs.pdf?__blob=publicationFile&v=4 (Abruf: 27.09.2025)

Es erfolgt keine wörtliche oder strukturidentische Übernahme. Die Inhalte wurden in eigenen Worten für gemeinwohlorientierte Bildungsarbeit aufbereitet.


© 2026 Čerenja e. V. – ROMANI RESILIENCE RESOURCES* I25-P02-A01-ME01

Diese Methode wurde im Rahmen des geförderten Projekts entwickelt und steht unter der Lizenz:*

CC BY-NC-SA 4.0 – Namensnennung – Nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen