Praxisbaustein: Zurückhaltende Familien – Kooperation oder Misstrauen?

🎧 Worum geht es hier?

Dieser Baustein lädt dazu ein, Situationen zu reflektieren, in denen Familien auf professionelle Kontaktversuche zurückhaltend oder vermeidend reagieren – z. B. durch Terminabsagen, vage Kommunikation oder wenig Information.

Ziel ist es, die eigenen Deutungen solcher Situationen zu hinterfragen, mögliche institutionelle Vorerfahrungen der Familien mitzudenken und handlungsfähig zu bleiben, ohne vorschnell „Kooperationsmangel“ zu diagnostizieren.

🧭 Sie arbeiten hier autonom und im eigenen Tempo.

🕊️ Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Beobachtungen – und unterbrechen Sie die Bearbeitung bei Bedarf.
🧠 Achten Sie bewusst auf Ihre erste Reaktion – ohne sie zu bewerten.

🕒 Zeitaufwand

Einzelanwendung: ca. 20 Minuten

Teamreflexion: ca. 30–40 Minuten

📌 Arbeitsform

Selbstreflexion / Teamgespräch

Empfohlen für: ASD, Jugendhilfe, Schule, Beratung, interdisziplinäre Netzwerke

📝 Praxisskizze

„Eine Familie reagiert auf Kontaktversuche des Jugendamts (oder Schule) sehr zurückhaltend. Gesprächstermine werden kurzfristig abgesagt, Informationen nur zögerlich geteilt.

Im Kollegium entsteht der Eindruck von ‚fehlender Kooperation‘.

Ich frage mich: Woran liegt das? Was ist professionell zu tun – und was sollte ich besser nicht tun?“

💭 Reflexionsfragen / Praxisimpulse

  1. Was ist meine erste emotionale Reaktion – Frustration, Druck, Sorge?

  2. Welche Deutungen kursieren im Team – z. B. über „kooperative“ oder „problematische“ Familien?

  3. Wie wirkt sich meine Wortwahl auf meine Wahrnehmung der Situation aus?

  4. Was weiß ich über mögliche Erfahrungen der Familie mit Behörden, insbesondere aus rassismuskritischer Perspektive?

  5. Inwiefern ist die Zurückhaltung möglicherweise ein Schutzmechanismus – und kein „Mangel“?

  6. Welche inneren Haltungen helfen mir, professionell und offen zu bleiben?

  7. Was wäre ein nächster kleiner Schritt, der Beziehung stärkt – ohne Kontrolle aufzubauen?

💬Hinweise zur Selbstfürsorge

Wenn Sie merken, dass die Fragen emotional herausfordernd sind:
Nehmen Sie sich Zeit, atmen Sie tief durch und entscheiden Sie selbst, wann Sie weiterarbeiten möchten.

Fragen Sie sich auch:

„Was hilft mir, bei dieser Reflexion ehrlich mit mir selbst zu sein – ohne mich dabei zu verurteilen?“

Selbstfürsorge dient hier nicht der Entlastung von Verantwortung, sondern der Aufrechterhaltung professioneller Reflexionsfähigkeit.

Wichtiger Hinweis

Dieser Baustein bietet eine Reflexionshilfe zur Haltungsarbeit – keine abschließende Einschätzung von Familienverhalten. Er dient der professionellen Selbstvergewisserung im Spannungsfeld von Kinderschutz und Beziehungsgestaltung.

👥 Kurzanleitung für die Teamreflexion

Dauer: 30–40 Minuten · Gruppengröße: 3–6 Personen

Ablauf:

  1. Einstieg: Ziel des Gesprächs klären (1–2 Min)

  2. Skizze vorlesen, Fragen ggf. aufteilen (5 Min)

  3. Jede Person wählt 1–2 Fragen und spricht dazu (3 Min je Person)

  4. Gemeinsame Reflexion: Was war herausfordernd? Was hilfreich?

  5. Abschluss: Was nehmen wir in die Praxis mit?

🎯 Regeln:

Keine Bewertungen. Jede*r spricht freiwillig. Schweigen ist erlaubt.

Hinweis zur Quelle:

Die in diesem Praxisbaustein dargestellten Fallkonstellationen und Reflexionsimpulse orientieren sich inhaltlich an Erkenntnissen aus folgender wissenschaftlicher Studie:

Studie zu Rassismuserfahrungen von Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland

Herausgegeben von der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (UKA), erstellt von der Alice Salomon Hochschule Berlin, gefördert durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), 2021.

Online abrufbar unter:

https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/heimat-integration/antiziganismus/barz-kaya-horvath.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (Abruf: 27.09.2025)

Es erfolgt keine wörtliche oder strukturidentische Übernahme. Die Inhalte wurden in eigenen Worten für gemeinwohlorientierte Bildungsarbeit aufbereitet.

© 2026 Čerenja e. V. – ROMANI RESILIENCE RESOURCES* I25-P02-A01-ME01

Diese Methode wurde im Rahmen des geförderten Projekts entwickelt und steht unter der Lizenz:*

CC BY-NC-SA 4.0 – Namensnennung – Nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

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