Was ist Gadjé-Rassismus?

Gadjé-Rassismus bezeichnet spezifische Formen von Rassismus, die sich gegen Sinti*zze und Rom*nja richten und aus der weißen Mehrheitsgesellschaft heraus wirken. Der Begriff Gadjé stammt aus dem Romanes und bezeichnet Menschen, die nicht selbst Sinti*zze oder Rom*nja sind. Er macht damit sichtbar, von wo aus Diskriminierung entsteht: aus gesellschaftlichen Macht- und Normverhältnissen der Mehrheitsgesellschaft.

🚫 Kein Einzelfall – sondern strukturell

Gadjé-Rassismus umfasst Vorurteile, Ausgrenzung, strukturelle Benachteiligung und Gewalt – im Alltag, in Institutionen (z. B. Schule, Verwaltung, Wohnungsmarkt) und in öffentlichen Diskursen. Er wirkt oft auch dort, wo er nicht offen beabsichtigt ist, etwa durch stereotype Erwartungen, pauschale Zuschreibungen oder scheinbar neutrale Regeln, die bestimmte Gruppen systematisch benachteiligen.

🏷️ Warum dieser Begriff?

Der Begriff wird bewusst als Alternative zu „Antiziganismus“ verwendet. Zwar ist Antiziganismus ein etablierter Analysebegriff für Rassismus gegenüber Sinti*zze und Rom*nja – wie u. a. Markus End in seiner Definition systematisch ausgeführt hat –, doch enthält er sprachhistorisch einen diskriminierenden Lexem. Dessen Verwendung birgt die Gefahr, rassistische Logiken ungewollt zu reproduzieren oder retraumatisierend zu wirken (vgl. End, Was ist Antiziganismus?).

💡 Ein Perspektivwechsel

Eine alternative Begriffsbildung wurde von Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen – darunter Elsa Fernandez – geprägt: Der Begriff Gadjé-Rassismus wurde bewusst eingeführt, um rassistische Strukturen zu benennen, ohne den stigmatisierenden Lexem zu verwenden (vgl. Fernandez 2015). Er verschiebt den Fokus von der betroffenen Gruppe hin zur diskriminierenden Mehrheitsgesellschaft.

🧭 Relevanz für die pädagogische Praxis

Für die pädagogische und soziale Praxis ist diese Perspektive zentral: Gadjé-Rassismus ist kein individuelles Fehlverhalten einzelner Personen, sondern ein gesellschaftliches Machtverhältnis. Sensibilisierung bedeutet daher nicht Schuldzuweisung, sondern das Erkennen eigener Verstrickungen in dominante Normen und Routinen – und die Möglichkeit, professionell anders zu handeln.

🎬 Externer Videolink zum Mitdenken:

Anti-Was? Wie sollten wir Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja bezeichnen

[Link öffnet neue Website – geprüft am 28.09.2025.]

(Hinweis: Es werden historische Gewalt- und Verfolgungskontexte sowie belastende Erfahrungen thematisiert; auch verletzende Fremdbezeichnungen werden als Thema angesprochen.)

🎓 Fortbildungshinweise

Wenn Sie die einzelnen Themen vertiefen oder im Team weiterdenken möchten stehen begleitend Fortbildungsangebote zur Verfügung.

→Weitere Informationen

🌐 Externe Quellen / Materialien (außerhalb)

📄Studie zu Rassismuserfahrungen von Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland

Herausgeber*in: Alice Salomon Hochschule

→ Zur Studie (externer Link)

Letzte Überprüfung des Links: 03.10.2025

📄Fragmente über das Überleben – Romani Geschichte und Gadjé-Rassismus

Autorin: Elsa Fernandez

Zum Buch beim Unrast Verlag →

Letzte Überprüfung des Links: 03.10.2025

📄Antiziganismus – Bürger & Staat, Heft 1–2/2018

Mit Beiträgen u. a. von Markus End, Romeo Franz, Ilona Lagrene, Daniela Gress und Udo Engbring-Romang

Zur PDF-Ausgabe bei der LpB Baden-Württemberg →

Letzte Überprüfung des Links: 03.10.2025