Kontextualisierung
Kurzdefinition:
Kontextualisierung bezeichnet das Einordnen von Situationen, Aussagen, Verhaltensweisen oder Entscheidungen in ihre sozialen, historischen, institutionellen und strukturellen Zusammenhänge. Sie verhindert, dass Beobachtungen isoliert oder vorschnell individualisierend interpretiert werden.
Einordnung für die Soziale Arbeit und Pädagogik:
Im professionellen Alltag besteht die Gefahr, Handlungen oder Lebenslagen einzelner Personen ohne Berücksichtigung ihrer Rahmenbedingungen zu bewerten. Kontextualisierung bedeutet, biografische Erfahrungen, institutionelle Bedingungen, gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskriminierungserfahrungen mitzudenken. Für Rom*nja und Sinti*zze ist dies besonders relevant, da ihre Lebensrealitäten häufig vor dem Hintergrund historischer Ausgrenzung, institutioneller Benachteiligung und problematisierender Diskurse bewertet werden.
Kontextualisierung als Gegenstrategie zur Individualisierung:
Ohne Kontextualisierung werden strukturelle Probleme schnell als persönliche Defizite gedeutet (z. B. „fehlende Motivation“, „mangelnde Anpassung“). Kontextualisierung verschiebt den Blick von individuellen Zuschreibungen hin zu institutionellen Routinen, Bewertungsmaßstäben und gesellschaftlichen Bedingungen. Sie ist damit ein zentrales Element rassismus- und machtkritischer Praxis.
Bedeutung für professionelles Handeln:
Für Fachkräfte bedeutet Kontextualisierung,
Situationen nicht vorschnell zu bewerten,
strukturelle Ursachen mitzudenken,
eigene Deutungsmuster zu reflektieren,
und Handlungsspielräume realistisch einzuordnen.
Kontextualisierung unterstützt eine professionelle Haltung, die Verantwortung nicht individualisiert, sondern differenziert zwischen persönlichem Handeln und strukturellen Rahmenbedingungen unterscheidet.
Praxisrelevante Reflexionsfragen:
Welche historischen, sozialen oder institutionellen Faktoren prägen diese Situation?
Welche Diskurse und Normalitätsannahmen wirken im Hintergrund?
Was bleibt unsichtbar, wenn ich den Kontext ausblende?
→ Weitere Themen:
Diskurse, Institutioneller Rassismus, Deutungshoheit, Lebensrealitäten, Handlungsspielräume