Romanes
Kurzdefinition:
Romanes ist die eigene Sprache von Rom*nja und Sinti*zze. Sie gehört zur indogermanischen Sprachfamilie, genauer zum indoarischen Zweig, weist zahlreiche regionale Varianten auf und wird überwiegend mündlich weitergegeben. Romanes ist keine einheitliche Standardsprache, sondern ein vielfältiges, historisch gewachsenes Sprachkontinuum.
Historischer Kontext (Europa und Deutschland):
Die kollektive Erfahrung des Romanes ist eng mit Verfolgung, Kontrolle und Sprachverboten verbunden. In verschiedenen Regionen Südosteuropas sowie unter den Habsburger Monarchien im Kaiserreich Österreich und im Königreich Spanien wurde der Gebrauch des Romanes wiederholt untersagt oder sanktioniert. Sprache galt als Ausdruck von „Abweichung“ und sollte im Rahmen staatlicher Assimilations- und Kontrollpolitiken unterdrückt werden.
Im deutschen Kontext ist Romanes darüber hinaus untrennbar mit den Verfolgungserfahrungen während des Nationalsozialismus verbunden. Teile des nationalsozialistischen Repressionsapparates nutzten Kenntnisse des Romanes, um Rom*nja und Sinti*zze zu überwachen, zu verfolgen und zu kontrollieren. Sprache wurde damit gezielt zu einem Instrument der Gewalt.
Diese historischen Erfahrungen wirken bis heute fort. Die Weitergabe von Romanes an Nicht-Rom*nja wird häufig bewusst begrenzt oder abgelehnt. Dies ist keine Abschottung, sondern eine schutzbezogene Praxis, die eng mit generationsübergreifenden Traumatisierungen, kollektiven Erinnerungen und historischen Erfahrungen von Sprachverboten und Missbrauch verbunden ist.
Romanes als Widerstands- und Bewahrungspraxis:
Vor diesem Hintergrund kann die Tradierung des Romanes auch als Form des Widerstands und der Bewahrung sprachlicher Identität verstanden werden. Die mündliche Weitergabe innerhalb von Familien und Gemeinschaften diente über Jahrhunderte hinweg dazu, Zugehörigkeit, Wissen und kulturelle Kontinuität trotz staatlicher Unterdrückung aufrechtzuerhalten.
Einordnung für die Soziale Arbeit und Pädagogik:
Romanes ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch Schutzraum, Identitätsanker und Ausdruck kollektiver Erfahrung. Nicht alle Rom*nja und Sinti*zze sprechen Romanes aktiv – auch dies ist Teil vielfältiger Lebensrealitäten. Entscheidend ist: Sprachpraxis ist immer historisch, politisch und erfahrungsgebunden.
Romanes, Schutzbedürfnisse und institutionelle Praxis:
In pädagogischen und sozialen Institutionen besteht die Gefahr, Romanes als Ressource einfordern oder „nutzen“ zu wollen, ohne die historischen Belastungen mitzudenken. Dies kann als Grenzverletzung erlebt werden. Eine professionelle Haltung respektiert,
dass Sprachzugang kein pädagogisches Recht ist,
dass Zurückhaltung gegenüber Nicht-Rom*nja eine Schutzreaktion sein kann,
und dass Vertrauen nicht vorausgesetzt, sondern ermöglicht werden muss.
Bedeutung für professionelles Handeln:
Für Fachkräfte bedeutet ein sensibler Umgang mit Romanes,
Schutzbedürfnisse und historische Erfahrungen ernst zu nehmen,
keine Erwartungen an Offenlegung oder Übersetzung zu formulieren,
Mehrsprachigkeit nicht zu instrumentalisieren,
und institutionelle Bewertungsmaßstäbe kritisch zu hinterfragen.
Professionelles Handeln heißt hier, sprachliche Grenzen anzuerkennen, statt sie pädagogisch überwinden zu wollen.
Praxisrelevante Reflexionsfragen:
Warum möchte ich Zugang zu Romanes – und wozu?
Welche historischen Erfahrungen könnten mit dieser Sprache verbunden sein?
Wo überschreitet mein pädagogisches Interesse eine Schutzgrenze?
→ Weitere Themen:
Mehrsprachigkeit, Schutzreaktionen, Misstrauen gegenüber Institutionen, Institutionelle Bewertungsmaßstäbe, Lebensrealitäten